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Das außergewöhnliche Leben der Ulrike Meinhof

 

Am 9. Mai 1976 wurde Ulrike Meinhof tot in ihrer Gefängniszelle in Stuttgart-Stammheim aufgefunden

Von Ulla Jelpke

 

Das außergewöhnliche Leben der Ulrike Meinhof, das nach einer bürgerlichen Phase in den Stadtguerilla-Kampf gegen den Kapitalismus in der BRD mündete, war gewaltsam zu Ende gegangen. Die offizielle Erklärung für den frühen Tod Ulrike Meinhofs lautete: »Selbstmord durch Erhängen«. Viele hatten daran Zweifel. Ein Anwalt fragte: »Warum wurde kein Arzt des Vertrauens zur Obduktion zugezogen? Warum die verdächtige Eile bei der Obduktion? Alles Fragezeichen, die Veranlassung geben sollten … der Sache weiter nachzugehen und sich nicht damit zu begnügen, daß hier eine solche Version der Selbsttötung ausgegeben wird.« Derselbe Anwalt erhob die Forderung nach einer unabhängigen internationalen Untersuchungskommission. Der Name dieses Kritikers, der den staatlichen Autoritäten so skeptisch gegenüberstand: Otto Schily – heute der Inbegriff des staatsgläubigen Ministers!

 

Die von ihm damals geforderte Untersuchungskommission trug in ihrem Bericht, nachlesbar unter dem Titel »Der Tod Ulrike Meinhofs« in der Ausgabe der internationalen taschenbücherei 1979, viele Argumente gegen die amtliche Selbstmordthese zusammen. Der Bericht befaßte sich auch mit der Haftsituation der Gefangenen der »Rote Armee Fraktion« (RAF) und definierte diese erstmals offiziell als Isolationsfolter.

 

Bürgerliche Jugend

 

Ulrike Marie Meinhof wurde am 7. Oktober 1934 in Oldenburg als zweite Tochter eines Kunsthistorikers und einer Lehrerin geboren. Ihre Biographie läßt sich in vier Phasen einteilen. Die gutbürgerliche Kindheit und Jugend wurde überschattet durch den frühen Krebstod beider Elternteile. Die Pädagogikprofessorin und Anthroposophin Renate Riemeck, eine enge Freundin der Familie, übernahm die Vormundschaft. Ulrike begann nach dem Abitur 1955 an der Universität Marburg das Studium der Fächer Psychologie, Pädagogik, Soziologie und Germanistik. Sie interessierte sich insbesondere für Literatur und Wissenschaftstheorie.

 

Politisches Engagement

 

Es folgte die Phase der Politisierung. Mitte der fünfziger Jahre gab es in der BRD eine heftige Debatte über die Wiederbewaffnung, wie sie Adenauer und Strauß erfolgreich durchsetzten, und über den eigenen Zugriff der Bundeswehr auf Atomwaffen. Diese Auseinandersetzung weckte das politische Interesse bei Ulrike Meinhof. Sie wechselte an die Universität Münster und wurde Sprecherin des Antiatomausschusses. Aufgrund ihres politischen Engagements lernte Ulrike den Herausgeber der linken Studentenzeitschrift konkret, Klaus Rainer Röhl, kennen, den sie 1961 heiratete.

 

Schon zuvor hatte Ulrike eine erfolgreiche berufliche Laufbahn als Journalistin begonnen. 1960 wurde sie dann Chefredakteurin von konkret. Nach der Geburt von Zwillingstöchtern 1962 mußte sie sich einer Operation wegen eines gutartigen Gehirntumors unterziehen. Aus gesundheitlichen Gründen gab sie die Tätigkeit in der konkret-Redaktion auf, blieb aber weiter als Kolumnistin tätig. Der Kampf gegen die Notstandsgesetze und gegen die Altnazis, die in der BRD wieder Karriere gemacht hatten, war der ihre. Mehr und mehr arbeitete sie auch für Rundfunk und Fernsehen. Sie stellte die Probleme gesellschaftlich Benachteiligter wie beispielsweise Mädchen in Fürsorgeheimen in den Mittelpunkt ihrer Features. In der Hamburger linken Szene und weit darüber hinaus war Ulrike Meinhof eine anerkannte gesellschaftskritische Autorin.

 

Mit der Trennung von Röhl 1968 begann der entscheidende Abschnitt im Leben Ulrike Meinhofs. Die Entfremdung zwischen Meinhof und Röhl hatte offensichtlich nicht nur private Gründe. Röhl machte aus konkret eine Sexpostille, die Ulrike Meinhof als »Wichsvorlage« bezeichnete. In späteren Jahren driftete Röhl immer mehr nach rechts ab.

 

Ulrike ging 1968 nach Berlin und schloß sich der Studentenbewegung, der außerparlamentarischen Opposition (APO), an. Der vergebliche Kampf gegen die Notstandsgesetze, die von der großen Koalition aus CDU/CSU und SPD schließlich doch beschlossen worden waren, führte bei ihr zu Zweifeln, ob journalistischer Protest ausreiche. Sie demonstrierte mit den revoltierenden Studenten nach dem Attentat der Polizei auf Rudi Dutschke gegen den Springer-Konzern. Dabei lernte sie Andreas Baader und Gudrun Ensslin kennen, die – als symbolhafte Protestaktion gegen den schmutzigen Vietnamkrieg der US-Amerikaner – in Frankfurt einen Brandsatz in einem Kaufhaus gelegt hatten. Zusammen mit dem Berliner Anwalt Horst Mahler – der sich in den neunziger Jahren der NPD zuwandte – beabsichtigten Meinhof, Baader und Ensslin den Aufbau einer bewaffneten Gruppe (der späteren Baader-Meinhof-Gruppe). Baader wurde wegen des Kaufhausbrandes – bei dem es übrigens, wie beabsichtigt, nur zu Sachschaden kam – verhaftet. Am 14. Mai 1970 wirkte Ulrike Meinhof an der Aktion zu seiner Befreiung in der Bibliothek des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen in der Berliner Miquelstraße mit. Man hätte ihr nichts nachweisen können. Aber als die Befreiung mißglückte, entschloß sie sich, anders als es vorher vereinbart war, gemeinsam mit Gudrun Ensslin und Irene Goergens in die Illegalität zu fliehen. Der Sprung aus einem Fenster der Bibliothek war so etwas wie das Überschreiten des Rubikons. Denn nun galt Ulrike Meinhof als Staatsfeindin und wurde steckbrieflich gesucht. Sie hatte alle Brücken hinter sich abgebrochen. In der interessanten Lebensgeschichte »Lieber wütend als traurig« (Beltz-Verlag 2003) berichtet der Meinhof-Biograph Alois Prinz: Ulrike Meinhof habe schon zuvor zu Gudrun Ensslin oft von einem »Sprung in ein anderes Leben« gesprochen. Diese Idee war somit buchstäblich konkret realisiert worden. Und Ulrike Meinhof hatte die Konsequenz aus dem gezogen, was sie dem Fernsehregisseur Eberhard Itzenplitz bei den Dreharbeiten zu »Bambule« bereits erklärte: »Ich habe keine Lust mehr, ein Autor zu sein, der die Probleme der Basis, z. B. der proletarischen Jugendlichen in den Heimen, in den Überbau hievt, womit sie nur zur Schau gestellt werden, daß andere sich daran ergötzen, zu meinem Ruhm.«

 

Vom Wort zur Tat

 

Die Baader-Meinhof-Gruppe ließ sich in Jordanien von der Befreiungsorganisation Al Fatah zu Stadtguerillas ausbilden. Sie kamen im Herbst 1970 in die BRD zurück. Im Strategiepapier »Stadtguerilla«, maßgeblich verfaßt von Ulrike Meinhof, nannte sich die Gruppe im April 1971 erstmals »Rote Armee Fraktion« (RAF). Die RAF übernahm in der Folgezeit die Verantwortung für mehrere Sprengstoffanschläge. Am 15. Juni 1972 wurde Ulrike Meinhof verhaftet und 1974 wegen Beteiligung an Baaders Befreiung zu acht Jahren Gefängnis verurteilt.

 

Nach Monaten der Isolationshaft in Köln wurde sie in den Hochsicherheitstrakt nach Stuttgart-Stammheim verlegt und von den dort ebenfalls inhaftierten führenden RAF-Mitgliedern Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Jan-Carl Raspe isoliert. In der »Festung Stammheim« versuchte die BRD-Justiz, einen Terroristenprozeß gegen die RAF zu inszenieren. Die Angeklagten, verteidigt unter anderem von den späteren Ministern Otto Schily und Rupert von Plottnitz, setzten dem eine Strategie entgegen, die eine politische Auseinandersetzung mit dem kapitalistischen, restaurativen System der BRD suchte. Ulrike Meinhof galt dabei als intellektueller Kopf der Gruppe. Trotz der Isolationsfolter agierte sie offensiv und ungebrochen. Umso weniger war ihr plötzlicher Tod, der offiziell als Selbstmord bezeichnet wurde, plausibel und nachvollziehbar.

 

Am 15. Mai 1976 wurde Ulrike Meinhof – gegen den Protest vieler Gemeindemitglieder – auf dem Friedhof der Westberliner Dreifaltigkeitsgemeinde in Alt-Mariendorf, Eisenacher Straße, beigesetzt. 5000 Menschen, viele vermummt und mit schwarzem Kreuz auf der Stirn, gaben ihr das letzte Geleit. »Venceremos«-Gesänge ertönten, auf Transparenten war zu lesen: »Wir tragen Trauer und Wut, die wir nicht verlieren.« Die Anwälte Klaus Croissant und Otto Schily, der Verleger Klaus Wagenbach und der Theologe Helmut Gollwitzer sprachen am Grab. Der Dichter Erich Fried nannte Ulrike Meinhof die »größte deutsche Frau seit Rosa Luxemburg«. Wagenbach zitierte Bert Brecht: »Ach wir, die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit, konnten selber nicht freundlich sein.«

 

Quelle: jW, 7.10.2004

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